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Grazyna von Lonski Heilpraktikerin für Psychotherapie

Schwerpunkt

Kriegsenkel – wenn die Familiengeschichte im eigenen Leben nachklingt

Manches, was wir in uns tragen, hat lange vor uns begonnen. Es zeigt sich in der Art, wie wir lieben und uns binden. In einem Körper, der auch in sicheren Zeiten nicht zur Ruhe kommt, sondern ständig in Alarmbereitschaft bleibt. In Erziehungsstilen und unausgesprochenen Familienregeln, die wir übernommen haben – und manchmal an unsere eigenen Kinder weitergeben, ohne es zu wollen.

Oft läuft all das wie ein Hintergrundrauschen mit, so vertraut, dass es uns gar nicht auffällt. Doch es hat eine Geschichte. Und die beginnt häufig bei unseren Eltern und Großeltern.

Tannen und Sträucher voller Raureif stehen still im Nebel über einem winterlichen Feld
Was erstarrt ist, wartet auf Wandlung.

Kennen Sie dieses Gefühl?

Bestimmte Themen kehren in Ihrem Leben immer wieder, obwohl Sie längst verstanden haben, dass Sie etwas verändern möchten. Vielleicht begleitet Sie eine Unruhe oder eine Schwere, für die Sie in Ihrem eigenen Leben keinen rechten Grund finden.

  • Sie fühlen sich für alle verantwortlich – vielleicht schon seit Ihrer Kindheit, auch für Ihre Eltern. Diese frühe Rollenumkehr nennt man Parentifizierung. Sie kann tiefe Spuren hinterlassen, gerade dann, wenn Sie selbst eine Familie gründen.
  • Sie müssen immer funktionieren und stark sein. Pausen fühlen sich fast verboten an.
  • Gefühle zu zeigen war in Ihrer Familie nicht vorgesehen. Man hat sich zusammengerissen.
  • Für Kreativität, Lebensfreude und Leichtigkeit finden Sie kaum Raum.
  • Sie versuchen, Probleme zu lösen, die eigentlich nicht Ihre sind, und fühlen sich dabei ohnmächtig oder überfordert.
  • In Ihren Partnerschaften scheint kein rechter Platz für einen anderen Menschen frei zu sein – vielleicht, weil Sie innerlich noch eng an Mutter oder Vater gebunden sind oder auf dem Platz der Mutter oder des Vaters stehen.
  • Sie sind oft erschöpft, ohne einen rechten Grund dafür zu finden – als fehle Ihnen der Rückenwind.
  • Sie passen sich an, gehen Konflikten aus dem Weg und spüren kaum, was Sie selbst brauchen.
  • Es gab Themen, über die in Ihrer Familie nie gesprochen wurde. Und doch lag etwas in der Luft.
  • Sie spüren eine Scheu, sich mit Ihrer Familiengeschichte zu beschäftigen – aus Sorge vor dem, was Sie finden könnten.

Und vielleicht die leise Frage: Gehört wirklich alles, was ich in mir trage, zu mir?

Wie Erfahrungen in Familien weiterwirken können

Von unseren Eltern und Großeltern übernehmen wir nicht nur Aussehen, Traditionen und Werte, sondern auch den Umgang mit Nähe, Angst, Verlust, Schuld und Scham. Meist geschieht das ganz unbewusst – über die Stimmung in einer Familie, über unausgesprochene Regeln und über Rollen, die Kinder übernehmen.

Besonders nachhaltig wirkt oft das, worüber geschwiegen wurde. Kinder spüren, dass da etwas ist, können es aber nicht einordnen. Nicht selten beziehen sie es dann auf sich selbst.

Das heißt nicht, dass jede Familie mit Kriegserfahrung so etwas weitergibt. Es kann so sein, es muss aber nicht.

Kriegskinder, Kriegsenkel und Kriegsurenkel

Krieg, Bombennächte, Flucht und Vertreibung, der Verlust von Angehörigen und Heimat haben die Generationen unserer Eltern und Großeltern geprägt. Die Psychotherapeutin Luise Reddemann beschreibt, dass diese Zeit tiefe Spuren hinterlassen hat – im Gedächtnis des Einzelnen, der Familien und einer ganzen Gesellschaft. Vieles davon ist bewusst, vieles wirkt im Unbewussten.

Hinzu kam eine Erziehung, die auf Gehorsam, Disziplin und Härte gegen sich selbst setzte. Diese Werte sollten Menschen vor allem funktionsfähig machen – auch für Militär und Krieg. Gefühle, Bedürfnisse und Trost hatten darin wenig Platz. Viele dieser Haltungen wirkten noch lange nach 1945 in den Familien weiter.

Nach dem Krieg galt: „Nicht darüber reden. Funktionieren. Nach vorne schauen.“ Das war verständlich, denn das Leben musste weitergehen und das Land wieder aufgebaut werden.

Doch die Kriegskinder blieben mit dem Erlebten allein, oft ein Leben lang. Gefühle zu zeigen galt als Schwäche, und Hilfe gab es nicht. Erst 1980 wurde die Posttraumatische Belastungsstörung überhaupt als Diagnose anerkannt – da waren die Kriegskinder schon zwischen 35 und 50 Jahre alt. Körperorientierte Traumatherapie, die Arbeit mit dem Nervensystem und ihre Verbindung mit systemischer Arbeit kamen erst in den 1990er- und 2000er-Jahren hinzu. Und erst um die Jahrtausendwende begann man in Deutschland, sich mit den Kriegskindern selbst zu beschäftigen, als viele von ihnen schon im Ruhestand waren. Bis dahin zeigte sich das Unverarbeitete oft im Körper, ohne dass jemand den Zusammenhang erkannte.

Was unverarbeitet bleibt, sucht sich oft in den nächsten Generationen seinen Ausdruck.

  • Kriegskinder

    So werden die Menschen genannt, die bis 1945 geboren sind und den Krieg als Kinder selbst erlebt haben. Viele wuchsen ohne Vater auf oder mit einem Vater, der verändert aus dem Krieg zurückkam.

  • Kriegsenkel

    Das sind ihre Kinder, meist in den 1960er- und 1970er-Jahren geboren. Sie wuchsen in äußerer Sicherheit auf, oft aber mit Eltern, die körperlich da, emotional jedoch schwer erreichbar waren. Viele lernten früh, sich anzupassen, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und ihre Eltern zu entlasten. Später zeigt sich das häufig als Leben im Funktionsmodus, als Perfektionismus oder als Gefühl, nirgends ganz anzukommen.

  • Kriegsurenkel

    Auch die Generation danach spürt manchmal noch etwas davon: eine Unruhe, Schuldgefühle oder das Gefühl, etwas tragen zu müssen, ohne zu wissen, was es ist.

Dasselbe kann für Familien gelten, die Krieg, Flucht oder Verfolgung in anderen Ländern und zu anderen Zeiten erlebt haben.

Wenn die Plätze in der Familie verschoben sind

Krieg reißt Lücken in Familien. Väter fielen, blieben lange in Gefangenschaft oder kamen verändert zurück. Mütter waren mit ihren Sorgen allein, Kinder starben oder gingen auf der Flucht verloren. Oft rückte jemand anderes nach und füllte die Lücke – meist unbewusst und aus Liebe.

In der systemischen Arbeit spricht man dann von einer gestörten Ordnung im Familiensystem: Die Generationenfolge oder die Verantwortlichkeiten geraten durcheinander. Typisch sind zum Beispiel:

  • Parentifizierung: Ein Kind übernimmt Verantwortung für seine Eltern. Es fühlt sich groß und zuständig, während die Eltern „klein“ wirken.
  • Ersatzpartner: Ein Kind wird zur engsten Vertrauten von Mutter oder Vater oder gerät als Schiedsrichter zwischen die Eltern. Fachleute sprechen hier von Triangulation.
  • Ersatz für einen fehlenden Menschen: Ein Kind nimmt unbewusst den Platz eines Familienmitglieds ein, das verloren ging oder früh gestorben ist.
  • Vertauschte Rangfolge: Eigentlich kommen die Eltern zuerst und geben, die Kinder kommen danach und nehmen. Ist diese Ordnung blockiert, fehlt allen etwas.

Wer nicht auf dem eigenen Platz steht, verbraucht viel Kraft, denn ihm fehlt der Rückenwind aus der Familie. Und weil solche Verschiebungen unbewusst weitergegeben werden, können sie über Generationen nachwirken, zum Beispiel in Form von Beziehungsproblemen. So kann keiner in der Familie wirklich in seine Kraft kommen.

Vereiste Wurzeln am Waldboden, von Eis überzogen und doch lebendig

Keine Frage der Schuld

Es geht nicht darum, Eltern oder Großeltern Vorwürfe zu machen. Die meisten handelten unter schweren Bedingungen und mit den Möglichkeiten, die sie damals hatten. Heute haben wir mehr Wissen und mehr Möglichkeiten – und damit die Chance, alte Muster zu erkennen und sie nicht unbewusst weiterzugeben.

Viele Menschen erleben schon eine erste Entlastung, wenn sie erkennen:

„Das, was ich in mir trage, beginnt nicht erst mit mir. Es ist in einen viel größeren Kontext eingebunden.“

Diese Erkenntnis nimmt Ihnen die Verantwortung für Ihr Leben nicht ab. Aber sie schenkt einen milderen Blick auf die eigenen Reaktionen – und die Freiheit, Neues zu wählen.

Wenn Sie sich scheuen, genauer hinzuschauen

Vielleicht haben Sie Sorge, in Ihrer Familiengeschichte etwas zu erfahren, das Sie nicht einordnen oder nicht tragen können. Diese Sorge ist verständlich, und sie darf da sein. Doch gerade das Ungesehene wirkt oft im Verborgenen weiter. Sie bestimmen das Tempo – wir schauen nur so weit, wie es sich für Sie stimmig anfühlt.

Wir alle wünschen uns, unsere Ahnen als Kraftquelle hinter uns zu wissen. Wie auch immer ihre Geschichte war: Es ist möglich. Schuld und Scham können sich wandeln, und die Lebenskraft, die über die Generationen zu uns kommt, kann wieder fließen.

Krieg, Flucht, Demütigung und Scham haben in vielen Familien die Würde verletzt – oft, ohne dass je darüber gesprochen wurde. Wer sich mit seiner Familiengeschichte versöhnt, kann auch zu seiner eigenen Würde zurückfinden. Und mit der Würde kommt das Rückgrat zurück: die Kraft, aufrecht zum eigenen Leben zu stehen.

Grazyna von Lonski mit ruhigem Blick im Wald, hinter ihr ein Waldweg
Grazyna von LonskiHeilpraktikerin für Psychotherapie

Warum mir dieses Thema am Herzen liegt

Ich gehöre selbst zur Generation der Kriegsenkel. Ich bin 1964 im pommerschen Grenzland südlich von Danzig in Westpreußen geboren, auf einem Bauernhof in einer Gegend, deren Geschichte von Krieg, verschobenen Grenzen, Flucht und Vertreibung geprägt ist.

1972 kam meine Familie mit vielen anderen Spätaussiedlerfamilien aus Polen nach Hamburg. Umbrüche begleiten mich also seit meiner Kindheit.

Ich kam als zweites Kind zur Welt, nachdem mein älterer Bruder durch eine Frühgeburt gestorben war. Lange Zeit habe ich unbewusst beide Plätze eingenommen: meinen eigenen und den des verlorenen Sohnes. Erst die familiensystemische Arbeit hat diese Geschichte – und damit auch meine Überforderung und Erschöpfung – für mich sichtbar gemacht und gelöst. Das hat mich so tief beeindruckt, dass ich mich von 2006 bis 2017 intensiv mit familiensystemischer Arbeit und ihren verschiedenen Ansätzen beschäftigt habe. Gleich in meiner zweiten eigenen systemischen Arbeit ging es dann um die Männer, die in meinem Familiensystem fehlten – ein Thema, das in vielen Familien mit Kriegsgeschichte wiederkehrt.

Mir liegt am Herzen, dass wir – gerade in Deutschland – den Mut finden, auf unsere Familiengeschichten zu schauen und sie zu würdigen. Denn wenn jede und jeder Einzelne den eigenen Platz einnehmen kann, kommt auch etwas von dieser Kraft in unser Miteinander zurück.

Chris & Grace

Gemeinsam mit der Filmemacherin Christa Graf gehe ich diesem Thema auch in einem Filmprojekt nach. Christa spricht darin über ihre eigene Verarbeitung der Kriegstraumata ihrer Eltern.

Wie ich Sie begleite

Ein geschützter Raum. In vielen Familien wurde über Krieg, Flucht, Verlust oder Scham jahrzehntelang geschwiegen. Bei mir dürfen auch solche Geschichten zum ersten Mal ausgesprochen werden. Sie werden nicht bewertet, sondern dürfen zunächst einfach da sein.

Die eigene Geschichte im größeren Zusammenhang sehen. Mit der Genogrammarbeit schauen wir gemeinsam auf mehrere Generationen Ihrer Familie. Welche einschneidenden Ereignisse gab es? Wer musste besonders viel tragen? Worüber wurde gesprochen und worüber geschwiegen? Welche Rollen und Überzeugungen wurden weitergegeben? Wichtig dabei ist, wie es sich in Ihrem Erleben zeigt. Mehr über diese Arbeitsweise lesen Sie unter Systemische Arbeit.

Wenn noch Angehörige der älteren Generation leben, können wir Gespräche mit ihnen auch gemeinsam vorbereiten.

Den eigenen Platz finden. Gemeinsam erkennen wir, wo in Ihrer Familie Plätze verschoben sind, und bringen sie behutsam wieder in Ordnung:

  • Anerkennen, was ist – ohne Schuldzuweisung. Zum Beispiel: „Ich habe versucht, meine Mutter zu retten.“
  • Die Verantwortung dort lassen, wo sie hingehört – das Leben der Eltern gehört den Eltern.
  • Lasten zurückgeben, etwa in inneren Bildern: „Ich sehe deine Last. Sie gehört zu dir. Ich lasse sie dir in Liebe und Respekt.“
  • Nehmen, was die Eltern gegeben haben, und es an die eigenen Kinder oder in das eigene Wirken weitergeben.

Wenn der eigene Platz wieder eingenommen wird, erleben viele Menschen eine spürbare Entlastung und inneren Frieden – und gehen wieder aufrechter durchs Leben.

Was nicht zu einem gehört, geht. Was zu einem gehört, kann nun kommen. Die Dinge geraten in Fluss.

Ins Gefühl kommen. Verstehen ist ein wichtiger Anfang. Wirklich verwandeln kann sich etwas aber erst, wenn wir auch einen emotionalen Zugang finden: wenn ungeweinte Tränen geweint werden dürfen, wenn Trauer Raum bekommt und wenn alles wieder an seinen richtigen Platz kommen darf – das, was zu Ihnen gehört, und das, was Sie den Generationen vor Ihnen zurückgeben dürfen.

Was uns prägt, zeigt sich auch im Körper. Deshalb beziehe ich körperorientierte Methoden, die Beruhigung des Nervensystems und, wo es passt, die Energetische Psychologie nach Fred Gallo mit ein. So können belastende Gefühle behutsam und in Ihrem Tempo in Bewegung kommen.

Die psychotherapeutische Begleitung findet in meiner Praxis in Starnberg statt. Psychologische Beratung ist auch online möglich.

Gemeinsam schauen wir:

  • Was möchte verstanden werden?
  • Was möchte betrauert werden?
  • Was gehört zu anderen Menschen in meiner Familie?
  • Was brauche ich heute, um mich sicherer zu fühlen?
  • Wo darf ich mich wieder aufrichten und meine Würde spüren?
  • Und was darf ich loslassen, um mein eigenes Leben freier zu gestalten?
Ein Apfelbaum in voller Blüte vor strahlend blauem Himmel
Bäume und Sträucher voller Raureif im dichten Nebel
Erstarrung
Kahle Bäume als Silhouette vor einem rosa und orange leuchtenden Abendhimmel
Neues Licht

Was unseren Eltern und Großeltern einst geholfen hat zu überleben, muss nicht unser Leben bestimmen. Die Vergangenheit können wir nicht verändern. Aber wir können verhindern, dass sie unbewusst immer weitergeschrieben wird.

Häufige Fragen

Ich weiß kaum etwas über meine Familiengeschichte. Kann ich trotzdem zu Ihnen kommen?

Ja. Gerade das Schweigen ist oft Teil des Themas. Auch Lücken, Andeutungen und das, was man in der Familie „nicht fragt“, können viel erzählen.

Ist das eine Traumatherapie?

Nein. Im Mittelpunkt stehen Ihre Familiengeschichte, Ihre inneren Muster und Ihr heutiges Erleben. Belastende Erfahrungen haben dabei ihren Platz, und ich begleite Sie behutsam darin. Zeigt sich, dass eine spezialisierte Traumatherapie sinnvoll wäre, sage ich Ihnen das offen.

Betrifft das nur Familien mit Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg?

Nein. Krieg, Flucht und Vertreibung können in jeder Familie nachklingen – unabhängig davon, wann und wo sie geschehen sind.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?

Meine Praxis ist eine reine Selbstzahlerpraxis. Das bedeutet auch: Ihre Krankenkasse erfährt nichts von unserer Zusammenarbeit. Mehr dazu unter Honorar.

Wir beginnen dort, wo Sie gerade stehen.

Im kostenlosen Erstgespräch lernen wir uns kennen und klären in Ruhe, ob und wie ich Sie begleiten kann.